Christian Schmidt im Plenum

Louis-Kissinger-Preis 2017

Bundesminister Christian Schmidt, MdB hält Festrede anlässlich der Preisverleihung des Louis-Kissinger-Preises 2017 in Fürth

Freitag, 23.06.2017

Im Rahmen der diesjährigen Preisverleihung des Louis-Kissinger-Preises 2017 am heutigen Freitag, 23. Juni 2017 am Helene-Lange-Gymnasium in Fürth, hat Herr Bundesminister Christian Schmidt, MdB und Wahlkreisabgeordneter der Stadt Fürth sowie der Landkreise Fürth und Neustadt a. d. Aisch-Bad Windsheim folgende Festrede gehalten:

 

Es gilt das gesprochene Wort!

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Braun,

sehr geehrte Frau Dana Kissinger,

sehr geehrte Frau Ulrike Roscher, die heutige Preisträgerin,

sehr geehrte Frau Evi Kurz,

verehrte Damen und Herren,

liebe Gäste,

 

ich freue mich sehr, heute zu diesem ganz besonderen Anlass hier zu sein. Wir verleihen dieses Jahr zum vierten Mal den Louis-Kissinger-Preis, der 2012 ins Leben gerufen wurde.

Ganz herzlich gratulieren möchte ich dabei unserer diesjährigen Preisträgerin Frau Ulrike Roscher.

Sie, sehr geehrte Frau Roscher, wirken seit vielen Jahren als außergewöhnliche Pädagogin und engagierte Studienrätin im Förderschuldienst am Sonderpädagogischen Förderzentrum Fürth-Süd mit. In der Jury waren wir von Ihrer besonders kreativ-künstlerischen Arbeit und Ihrem über das Maß gehende Engagement für und mit Kindern beeindruckt, so dass wir uns freuen Ihnen heute diesen Preis überreichen zu können.

Ein genauerer Blick auf die Arbeit von Lehrern offenbart, dass es die nicht die Hauptaufgabe des Lehrers ist, Bedeutungen zu erklären, sondern an die Tür des Geistes zu klopfen.

Ich finde, das ist eine schöne Definition des Lehrerberufs. An die Tür des Geistes zu klopfen, heißt, die Urteils- und Erkenntnisfähigkeit junger Menschen zu fördern.

Das gilt auch und gerade für Kinder, denen das Lernen schwerer fällt, als anderen. Wir möchten niemanden zurücklassen. Im Angesicht der digitalen Herausforderungen unserer heutigen Zeit ist dies ein besonderes Anliegen.

Das gilt umso mehr, als die Schulen das Bildungsmonopol im Zeitalter der Digitalisierung faktisch verloren haben.

Information – und leider häufig auch Desinformation findet zum großen Teil im Internet und über soziale Medien statt. Wir leben in einer Zeit der schnellen Botschaften.

Ich zitiere den früheren Außenminister der USA Henry Kissinger, den Sohn Louis Kissingers:

Neue Methoden der Verfügbarkeit und der Weitergabe von Informationen verbinden und einen die Regionen dieser Welt wie nie zuvor und projizieren jedes Ereignis auf eine globale Ebene. Doch das geschieht auf eine Art und Weise, die jede Reflexion behindert und die politischen Führer zwingt, ihre Reaktionen unverzüglich kundzutun, und das in der möglichst schlichten Form von Schlagzeilen.

Im digitalen Zeitalter sind der öffentlichen Meinungsäußerung keine Grenzen gesetzt. Jeder kann mit seinem Smartphone Hass und Hetze gegen Andersdenkende, gegen religiöse und politische Minderheiten in die ganze Welt hinausposten. Schlimme Beispiele gibt es dafür genug. 

Cybermobbing, das Bloßstellen und Beleidigen über Messenger-Dienste und soziale Netzwerke, ist eine Problematik, mit der sich vor allem Jugendliche oft in ihrem Alltag auseinandersetzen müssen. Studien zum Cybermobbing haben ergeben, dass sie extrem darunter leiden und sich dieser Art von virtueller Belästigung hilflos ausgeliefert fühlen, umso mehr, als jeder Post schnell weitergeklickt und gespeichert werden kann. Damit ist er dann uneinholbar in der Welt.

Für mich ist klar: Den Kindern und Jugendlichen hier mit Beratung und Weisung zur Seite zu stehen ist unerlässlich. Als Eltern und Lehrer, aber auch der Staat ist hier gefordert.

Das, was in der analogen Welt gilt, nämlich Grenzen für die Meinungsfreiheit bei strafbaren Handlungen wie Beleidigung, Verleumdung und Volksverhetzung, müssen wir auf die digitale Welt übertragen.

In unterschiedlichen Projekten wird bereits für dieses Thema sensibilisiert. Trotzdem gilt: Der Trend zur Verkürzung und Verflachung von Inhalten und Botschaften ist eine Gefahr und wird dies auch weiterhin sein. Eine Gefahr deshalb, weil er dem Populismus den Boden bereitet und Differenzierung nicht zulässt. Wie realistisch diese Gefahr ist, erkennen wir an den rechtspopulistischen Bewegungen in Europa, die seit einiger Zeit erstarken.

Umso wichtiger ist es, jungen Menschen beizubringen, die eigene Urteilsfähigkeit zu entwickeln, damit sie der ungefilterten Informationsflut etwas entgegensetzen können.

Gerade wir Deutschen haben aus der Geschichte bitter lernen müssen, dass Falschinformationen und scheinbar einfache politische Botschaften zu Ausgrenzung und Verfolgung führen.

Das bringt mich zum Namensstifter der heutigen Preisverleihung, Louis Kissinger. Für Louis Kissinger war der Lehrerberuf eine Berufung. Das Regime der Nationalsozialisten zwang ihn, diesen Lebensinhalt aufzugeben, als sie die jüdischen Lehrerinnen und Lehrer, darunter Louis Kissinger, systematisch aus dem Schuldienst vertrieben. Auch wenn Louis Kissinger in den USA Sicherheit vor der Verfolgung durch die Nazis fand, hat er diesen Verlust und den Abschied von der Heimat nie verwunden.

Den Louis-Kissinger-Preis, den wir in Würdigung seiner Arbeit und Vision seit 2012 verleihen, ist daher sowohl eine Auszeichnung für herausragendes Engagement, aber auch eine wiederkehrende Mahnung an das, was in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus passiert ist.

An das, was Menschen ihren Mitbürgern angetan haben. An das, wozu der Mensch fähig ist.

Wir müssen uns bewusst darüber sein, dass sich so etwas wiederholen kann, auch in demokratischen Ländern. Die Erfahrung lehrt, dass sich Demokratie nicht von alleine einstellt. Die Grundlage für eine demokratische Gesellschaft liegt vor allem in der Wertevermittlung, bei der im besten Falle alle Akteure der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gemeinsam an einem Strang ziehen. Passend hierzu lautet im Übrigen auch das Motto der Jakob-Wassermann-Schule – „Wir ziehen alle an einem Strang!“.

Frieden in Europa, Meinungsfreiheit und Toleranz für Andersgläubige und Andersdenkende sind leider nicht selbstverständlich. 

Der Frieden, den wir hier in Europa haben, ist zu einem großen Teil das Ergebnis des Engagements unserer Gesellschaft für diese Werte. Jede Gesellschaft, jede Stadt lebt vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger. Es sind Menschen, die sich mit ihrer Heimat identifizieren, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich unermüdlich, oft auch ehrenamtlich, für andere einsetzen.

Der Louis-Kissinger-Preis erinnert auch daran, wie wichtig die Institution Schule für ein gesundes Werteverständnis einer Gesellschaft, für gelebte Demokratie ist.

Ein besonderer Blick gilt dabei der jungen Generation, denen wir Verantwortung zutrauen dürfen, aber auch in Bereichen, wo sie Unterstützung benötigen, anleiten und begleiten müssen. Hier kommt der Institution Schule und den mitwirkenden Pädagoginnen und Pädagogen eine besondere Bedeutung zu.

Wie Louis Kissinger sind auch Sie, sehr geehrte Frau Ulrike Roscher, eine Persönlichkeit, die ihre Berufung darin gefunden hat, an die Tür des Geistes der jungen Menschen zu klopfen, die Ihnen anvertraut sind.

Sie tun dies, indem Sie den Kindern neue Welten eröffnen und ihnen auf kreative Weise neue Zugänge zur Bildung verschaffen. Bemerkenswert sind dabei ganz konkret Ihre klassenübergreifenden Projekte und Theateraufführungen, die Sie mit hoher Motivation und Gelingen zu lebensnahen Themen wie Natur, Gesundheit, Kreativität und Literatur umsetzen. Die Kinder werden dabei in ihrem Selbstverständnis als geachtete und wertgeschätzte Mitmenschen gestärkt. Sie entwickeln eine Urteilsfähigkeit, die ihnen eine selbstbewusste und faire Auseinandersetzung mit anderen Menschen erlaubt und aufzeigt, dass sie verantwortlich ihre Umwelt mitgestalten können.

Mit Ihrer engagierten Arbeit und einem besonderen Blick auf den Einzelnen fördern Sie die Entwicklung und Persönlichkeitsbildung dieser jungen Menschen über das normale Maß hinaus. Im sicheren Kontext der kreativen Arbeit ermutigen Sie die Kleinsten sich auszuprobieren, Fragen zu stellen und auch mit Fehlern zurechtzukommen.

Die Werte, die Sie dabei an die Kinder vermitteln - Verlässlichkeit, Vertrauen, Ehrlichkeit, den anderen in seiner Stärke und Schwäche wahrzunehmen - sind die Grundlage für gegenseitigen Respekt.

 Es ist in der Tat zu würdigen, dass Sie die Vermittlung dieser Grundwerte an die jüngsten Glieder unserer Gesellschaft immer Vorrang gegeben und Möglichkeiten einer weiterführenden Karriere dafür ausgeschlagen haben.

Ich freue mich daher sehr, dass Sie heute diesen Preis entgegennehmen können und danke Ihnen für Ihr herausragendes und vorbildliches Engagement zum Wohle unserer Kinder und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute!


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