Christian Schmidt im Plenum

Meine Erinnerung an den Mauerfall am 9. November 1989

Bundesminister Schmidt zum 25-jährigen Jahrestag des Mauerfalls

Donnerstag, 06.11.2014

Das Jahr 2014 ist für mich als Ganzesein Jahr der Erinnerung. Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg und damit die größte Welle von Leid und Zerstörung, die Europa jemals gesehen hat.

Vor 25 Jahren begann die Auflösung des alten Sowjetblocks. Und dabei war für uns Deutsche von ganz besonderer Bedeutung: Vor 25 Jahren fiel die Mauer, die Deutschland teilte. Diese Ereignisse, haben unseren Kontinent deutlich geprägt.

Es hat sich gezeigt: Selbst die Gräben zweier Weltkriege und des Kalten Kriegs waren nicht tief genug, um nicht schließlich doch überwunden zu werden. Dieser Erfolg war vor allem das Verdienst der Menschen, die sich im Osten wie im Westen auch von Jahrzehnten der Konfrontation nicht von ihrem Wunsch abbringen ließen, gemeinsam in Freiheit und Frieden zu leben. Das waren übrigens nicht alle; manche Wessis hatten sich schon längst mit der Teilung arrangiert.

Ich hatte am 13. August 1981, also zwanzig Jahre nach dem Bau der Mauer, mit vielen anderen für den Fall eben dieses in Beton gegossenen Denkmals des Versagens eines inhumanen kommunistischen Systems in Berlin demonstriert. "Auf die Dauer keine Mauer!" skandierten wir. Der Titel des Mitveranstalters, des "Kuratoriums unteilbares Deutschland" wurde von der linken Szenerie als "Krematorium unheilbares Deutschland" in Rufen diffamiert. Dies ließ mich noch stärker auf die Seite der politischen Visionäre der Einheit Deutschlands rücken. Uns einte der feste Glaube daran, dass die Stärke des Rechts mehr gelten sollte und langfristiger gültig sei als das Recht des Stärkeren.

Ich befand mich am 9. November 1989 in dem kleinen Ort Bad Sassendorf in Nordrhein-Westfalen zu einer Fachtagung für Rechtsanwälte. Ich saß nach dem Abendessen auf meinem Zimmer, um mich auf die Themen des nächsten Tages vorzubereiten. Dann sah ich in der Tagesschau DDR-Regierungssprecher Günther Schabowski und seine linkische Bewegung, mit der in der Pressekonferenz den Zettel aus seiner Tasche holte und vorlas, dass DDR-Bürger sofort ausreisen könnten. Ich habe geschluckt, sofort gespürt, welche Bedeutung diese Sätze haben könnten, mich hingesetzt und erst mal geweint. Dann habe ich mit meiner Frau sehr emotional telefoniert und bin ich nach unten auf den Platz vor dem Hotel, habe mit wildfremden Menschen gelacht, wir haben uns umarmt und nachdem gezeigt wurde, dass die Abgeordneten im Deutschen Bundestag spontan das Deutschlandlied gesungen haben, im Hotelfoyer dann auch unsere Nationalhymne angestimmt.

Gesprochen habe ich dabei mit mir völlig unbekanntenMenschen, und wir fühlten uns wie eine große Familie. Ungeteilte Freude und Hoffnung einten uns.

Spätestens nach der Ausreise der DDR-Bürger, die die Prager Botschaft der Bundesrepublik gestürmt hatten, wenige Wochen vorher lag etwas in der Luft. Man spürte, dass die DDR-Staatsführung am Ende war. Und mir kam in dem Kopf, was drei Jahre zuvor eine hoher ungarischer Funktionär im Budapester Außenministerium zu unserer Gruppe junger CSU-Politiker schon auf die Frage nach der deutschen Einheit gesagt hatte: Was die deutsche Einheit angehe, sehe man das in Ungarn als eine allein vom deutschen Volk zu entscheidende Frage an. Gorbatschows Perestroika hatte also bei der ungarischen Staatsführung schon gewirkt, als in Ostberlin noch die alten Betonköpfe die Berliner Mauer politisch noch unüberwindbarer machen wollten.

Aber wo immer sich Deutsche Bürger an diesem Tag aufgehalten haben, der Eindruck dieser historischen Geschehnisse für uns war einfach überwältigend! Wir haben es alle Jahrzehnte lang gehofft, fast nicht mehr geglaubt, aber immer alles dafür getan, dass Deutschland wieder eine Nation wird. Die friedliche Wiedervereinigung, auf die wir nach 25 Jahren zurückblicken können, ist für mich ein ganz großer Erfolg der Deutschen und ihrer Regierung.

Doch lassen Sie es uns nicht vergessen: Frieden und Freiheit bedürfen immer wieder aufs Neue größtmöglicher Anstrengung! Sie sind keine Selbstverständlichkeit.

In den nächsten Wochen kamen die DDR-Bürger zu uns in den Westen. Schon vor Weihnachten war ich dann im Osten und half beim Aufbau der christlich-konservativen Partei DSU, die sich bei den freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 in der "Allianz für Deutschland" mit CDU und Neuem Forum um Stimmen bewarb.

Ich spürte insbesondere durch meine Reisen nach Sachsen-Anhalt und Thüringen (schon bevor diese Länder wiedergegründet worden waren) die Größe der Aufgabe, aber auch den Hauch des "Mantels der Geschichte", den Rudolf Augstein beschrieben hatte.

Den Artikel finden Sie hier:

http://www.huffingtonpost.de/christian-schmidt/gesungen-umarmt-geweint-wie-wir-den-fall-der-mauer-feierten_b_6119848.html?utm_hp_ref=germany


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