Donnerstag 16.01.2020

„Ich habe großes Verständnis für die Proteste der Landwirte“

Bundesminister a.D. Christian Schmidt MdB im Interview mit "Nürnberger Nachrichten"

Bundesminister a.D. Christian Schmidt MdB im Interview mit "Nürnberger Nachrichten"

Frage: Herr Schmidt, die Bauern fühlen sich als Sündenböcke der Gesellschaft, klagen über überbordende Vorschriften und zunehmende Auflagen. Warum sollte man sich in so einer Situation noch dazu entscheiden, Landwirt zu werden oder den Hof der Eltern zu übernehmen?

Christian Schmidt: Weil die Gesellschaft nicht ohne Landwirtschaft auskommt. Ich möchte keine Agrarindustrie, sondern, dass der Bauer in der Region eine Zukunft hat.

Ja, aber dass die Gesellschaft sie grundsätzlich braucht, wird keinen jungen Menschen davon überzeugen, Landwirt zu werden. Bauern brauchen auch Wertschätzung, sowohl gesellschaftlich als auch natürlich finanziell.

Christian Schmidt: Ich habe den Eindruck, dass wir jetzt an einem Punkt sind, an dem es wieder etwas aufwärts geht mit dem Verständnis für die Landwirtschaft. Wir können nicht einerseits für den Kampf gegen den Klimawandel und für ortsnahe Produktion sein und uns andererseits nicht für den Bauern ums Eck interessieren.

Bleibt das Finanzielle. Hochwertige Lebensmittel sind in den Supermärkten oft billig zu haben. Immer neue Vorschriften belasten zugleich vor allem die kleineren und mittleren Betriebe. Wie kann man verhindern, dass bald nur noch Großbetriebe diese Entwicklungen überleben?

Christian Schmidt: Wenn wir nur noch 1000-Hektar-Betriebe haben, sind Landschaft und Landwirtschaft nicht mehr im Einklang. Man muss bei der europäischen Förderung vor allem die kleinen und mittleren Betriebe bedenken und die Förderung nach oben begrenzen. Zu den Supermärkten: Auch bei konventionell erzeugten Lebensmitteln müssten manche Preise noch höher sein, denn es sind hochwertige, aufwändig erzeugte Produkte. In der Verantwortung ist da vor allem der Lebensmitteleinzelhandel, der momentan noch Wettbewerb über den Preis führt, nicht über die Qualität.

Die Landwirte machen zunehmend lautstark und öffentlichkeitswirksam auf ihre Probleme aufmerksam. Wie groß ist ihr Verständnis für den Unmut unter den Bauern?

Christian Schmidt: Sehr groß. Sie haben das Gefühl, dass sie für alles Elend dieser Welt haftbar gemacht werden und als Sündenböcke herhalten müssen. Wir müssen die Landwirtschaft wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen, mehr miteinander reden. Deshalb ist es gut, wenn die Landwirte mit den Protesten jetzt in die Städte reingehen. Sie signalisieren damit, dass sie da sind und darauf warten, dass man mit ihnen redet.

Weite Teile der Bevölkerung haben sich zunehmend von der Landwirtschaft entfremdet, der Trend zur Verstädterung verstärkt das zusätzlich. Wie könnte man eine Wiederannäherung erreichen?

Christian Schmidt: Man muss der Bevölkerung klarmachen, dass Bauern nicht nur einfach einen Hahn aufdrehen und dann kommen Getreide und Gemüse raus. Sie müssen das ganze Jahr hart dafür arbeiten. Info-Filme wären für die Aufklärung wohl nicht der große Kino-Knüller. Aber bei Aktionen wie einem „Tag des offenes Hofes" kommen viele direkt vor Ort in Kontakt mit der Landwirtschaft. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Sportvereine Partnerschaften mit landwirtschaftlichen Betrieben eingehen. Jugendliche könnten dann ein paar Tage im Jahr mithelfen, Einblicke gewinnen und dafür mit quasi selbst erzeugten Nahrungsmitteln belohnt werden.

Die Landwirtschaft muss sich aber auch verändern, bereit sein, auf neue Erkenntnisse, aber auch auf veränderte Ansprüche der Gesellschaft zu reagieren. Geschieht das noch zu wenig?

Christian Schmidt: Ich nenne das immer das „Prallteller-Syndrom". Früher hat man die Gülle auf diesen Prallteller gespritzt, damit sie im weiten Bogen verteilt wurde. Berichte über die Landwirtschaft werden oft immer noch so bebildert. Für viele liefert dieses Gülleverspritzen ein abschreckendes Bild von der Landwirtschaft. Tatsächlich sind die Prallteller mittlerweile sogar verboten und die Gülle wird mit Schleppschuh oder Schleppschlauch nah am Boden und ohne großes Gespritze ausgebracht. Was ich damit sagen will: Die Landwirtschaft verändert sich ständig – aber die Gesellschaft ist oft nicht bereit, das auch wahrzunehmen.

Die Landwirte beklagen sich über die zunehmenden Vorschriften und Auflagen. Die erst 2017 verschärfte Düngeverordnung zum Beispiel soll nun schon wieder um weitere Vorgaben ergänzt werden.

Christian Schmidt: Die Bauern wollen Lebensmittel produzieren und nicht den ganzen Tag am Schreibtisch verbringen, da kann ich sie gut verstehen. Bei der Düngeverordnung zum Beispiel wäre es gut, wenn man die seit zwei Jahren gültige von mir eingeführte Regelung erst einmal wirken lässt und schaut, was sie für Grundwasser und Pflanzen bringt, bevor man sie weiter verschärft. Die Vorschriften sind tatsächlich teilweise zu sehr ins Kraut geschossen. Man sollte nicht bei allem gleich Verordnungen machen. Oft ist es sinnvoller, finanzielle Anreize zu setzen und den Landwirten die Entscheidung selbst zu überlassen, als gleich überall Ordnungsrecht anzuwenden.

Sie haben 2017 einer Verlängerung er Zulassung des umstrittenen Herbizids Glyphosat um fünf Jahre zugestimmt. Wie wichtig ist auch zukünftig der Einsatz von Chemie, um eine leistungsfähige Landwirtschaft zu erhalten?

Christian Schmidt: Wenn man die Menschen fragt, ob sie Pflanzenschutzmittel wollen, sagen 100% nein. Wenn Sie dieselben Verbraucher fragen, ob sie mehr Geld für Äpfel ohne Hochglanz und braunen Blumenkohl zahlen würden sagen auch 100% nein. Das macht diesen Zielkonflikt deutlich. Deshalb: Jedes Pflanzenschutzmittel ist mit Vorsicht zu genießen. Der Einsatz von Glyphosat wurde in meiner Amtszeit auch durch von mir verschärfte Anwendungsvorschriften massiv reduziert. Weil unsere unabhängigen wissenschaftlichen Prüfbehörden es für verantwortbar gehalten haben, war es damals sinnvoll, zuzustimmen und dabei den Einsatz in die richtigen Bahnen zu lenken. Für die Zukunft der Landwirtschaft brauchen wir mehr Präzisionslandwirtschaft, die solche Mittel auch gezielt zur Pflanze bringen. Heute wäre die landwirtschaftliche Produktion völlig ohne Chemie nicht aufrechtzuerhalten, wir können den Einsatz nur Stück für Stück abbauen. Bei Öko-Landbau brauchen wir für denselben Ertrag eineinhalb mal die Fläche von konventionellem Anbau. Wenn wir heute schon komplett auf Chemie verzichten würden, würden wir in vielen Bereichen zum Importland werden - in anderen Ländern haben wir aber keinen Einfluss auf die Produktionsbedingungen.

Die Landwirte kritisieren das Nitrat-Messstellensystem und bezweifeln, dass es wirklich objektive Ergebnisse liefert. Inwiefern teilen Sie diese Zweifel?

Christian Schmidt: In der Tat gibt es da ein großes Fragezeichen. In Deutschland haben wir vor Jahrzehnten ein Messstellensystem eingeführt, das vor allem an den gefährdeten Punkten gemessen hat. Deshalb gibt es auch verhältnismäßig wenige Messstellen. Ob wirklich das ganze Gebiet im Umkreis so stark belastet ist wie eine bestimmte Messstelle, können wir nur durch neue, weitere Messstellen herausfinden. Man muss aber auch sagen: Wenn dann herauskommt, dass auch dort der Grenzwert überschritten wird, muss das an dieser Stelle aber auch Konsequenzen haben für die Landwirtschaft.

Bereits 2016 habe ich gemeinsam mit Umweltministerium und den Bundesländern das kleine ursprünglich sogenannte Belastungsmessstellennetz von 1996 in ein verbessertes um das vierfache erweitertes Messstellennetz umgewandelt. Dennoch kann auch das noch erweitert werden. Je mehr objektiven Daten die Grundlage für solch gewichtige Entscheidungen über „rote Gebiete" zur Verfügung stehen, desto besser. Wenn das bayerische Umweltministerium dies bei der zuständigen Länderkommission (LAWA) wissenschaftlich qualifiziert vorträgt, ist das schnell machbar. Ich würde das begrüßen.

Fragen: Martin Müller

Zum Artikel:
Quelle: Nürnberger Nachrichten,

 

 


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