Dienstag 05.11.2019

30 Jahre Mauerfall

Erinnerungen von Christian Schmidt an den Tag des Falls der Berliner Mauer

"Wohl jeder kann heute noch beschreiben, wo er am Tag des Mauerfalls vor 30 Jahren genau gewesen ist. Ich war in Bad Sassendorf zu einem Fachanwaltslehrgang als Rechtsanwalt für Arbeitsrecht. Als die berühmte Pressekonferenz in Ost-Berlin gesendet wurde und man Günther Schabowski in seiner Jackentasche kramen sehen konnte und damit die Mauer offen war, kamen vielen die Tränen; auch mir. Wie viele war ich auch in Sorge, dass es Gewalt und Blutvergießen geben wird. Dies hat sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet, auch durch das kluge Verhalten des Chefs der Sowjetunion Michael Gorbatschow.

Sehr bald nach dem 9. November hat sich bei mir eine Familie gemeldet, um deren Ausreise nach Westdeutschland ich mich schon vorher gekümmert hatte. Sie war auf der Seite der unmittelbaren Gewinner. Der Weg, Menschen unverletzt von Ost nach West zu bekommen, ging zu Zeiten von Stacheldraht und Schießbefehl für die DDR-Grenzer über teils geheime Kanäle über von den jeweiligen Regierungen beauftragte West-Berliner Rechtsanwälte (Frau von der Schulenburg) und Ost-Berliner Rechts-anwälte (Herr Vogel). Da von der Familie ein Mitglied bereits wegen so genannter „Republikflucht" im DDR-Gefängnis saß, wollten wir eine „Freikaufaktion" über das Diakonische Werk einfädeln. Diese sogenannten „Kirchengeschäfte B" waren der verdeckte Weg der Bundesregierung, DDR-Bürger, die schwer gelitten hatten, gegen Geldzahlung frei zu bekommen.

Erst in meiner Zeit als Mitglied des Deutschen Bundestages und dort als Mitglied des Untersuchungsausschusses zu der Regierungskriminalität in der DDR und der so genannten „kommerziellen Koordinierung" (DDR-Begriff) 1991/92 konnte ich die verschlungenen Wege genauer verfolgen.

Dazu hatten wir auch den Stasi-Chef Erich Mielke und andere DDR-Größen vernommen und intensiv befragt. Vom Unrecht der Verhaftungen in der DDR wollten sie alle nichts gewusst haben. Bei der Geldbeschaffung für die marode DDR spielte dort Herr Schalck-Golodkowski eine große Rolle. Der Westen hatte sich entschieden, das Spiel „Menschen gegen Geld" im Sinne der betroffenen Menschen mitzumachen. Insbesondere Franz Josef Strauß hatte diskret und erfolgreich die Freiheit vieler Bürger eingefädelt.

Dies war aber jetzt nicht mehr notwendig, denn der 9. November bedeutete kurz darauf auch für die als „Republikflüchtige" vom DDR-Unrechtsstaat eingesperrten Menschen die Freiheit. Heute lebt die Familie, soweit ich weiß, in Nordrhein-Westfalen."


zurück zur Übersicht

Evangelischer Arbeitskreis der CSU
Deutsch Tschechisches Zukunftsforum
DAG
Evangelischer Arbeitskreis der CSU
Deutsch Tschechisches Zukunftsforum
DAG