Montag 18.02.2013

Grußwort des Parlamentarischen Staatssekretärs beim Bundesminister der Verteidigung, Christian Schmidt, MdB, anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der „Sportpalastrede“ am 18. Februar 2013 im Jüdischen Museum Berlin

Gemeinsam gegen Antisemitismus in unserer Gesellschaft einzustehen setzt voraus, dass wir um die Geschichte unseres Landes und um die Geschichte der menschlichen Beziehungen wissen. Damit uns diese Geschichte die Augen öffnen kann und das Bewusstsein dafür schärfen kann, dass Ausgrenzung und gar Ausmerzung niemals, ich betone niemals, eine Antwort auf politische oder gesellschaftliche Probleme gleich welcher Art sein können, ist immer wieder auch an die besonders schändlichen Tiefpunkte der nationalsozialistischen Agitation gegen die jüdischen Mitbürger zu erinnern:

- dazu zählt der 10. Mai 1933, als mit der Bücherverbrennung in kaum zu überbietender Weise deutlich wurde, dass das NS-Regime sich mit seinen Kritikern und Gegnern nicht geistig-intellektuell auseinandersetzen wollte, sondern andere, unerwünschte Meinungen vernichten würde

– erst die Gedanken auf dem Papier, dann die Köpfe mit ihren Gedanken selbst;

- dazu zählt der 9. November 1938, als die Reichspogromnacht jedermann die Augen hätte öffnen müssen, welchen Weg dieses Regime eingeschlagen hatte und weiter gehen würde; - und dazu zählt der 20. Januar 1942, als auf der Wannseekonferenz in leider folgerichtiger Steigerung von Bücherverbrennung und Pogromnacht der Völkermord an den europäischen Juden beschlossen wurde.

Zu diesen Tiefpunkten gehört auch der 18. Februar 1943, als Joseph Goebbels seine berüchtigte Sportpalastrede hielt. Diese Rede ist nicht nur ein Durchhalteappell an die Deutschen. Sie verknüpft das deutsche Scheitern im Kampf gegen die Sowjetunion, „den Bolschewismus“, wie es Goebbels nannte, ganz konkret die Niederlage und Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad wenige Wochen zuvor, mit dem an Verwerflichkeit nicht zu überbietenden Bekenntnis, die jüdischen Mitbürger nun umso entschiedener physisch vernichten zu wollen.

Stalingrad war ein Wendepunkt - Hitlers Durchhaltebefehle hatten das Ausbluten der 6. deutschen Armee und auch die Verluste der Sowjetarmee hervorgerufen. Der Kessel, in dem sich die 6. Armee unter dem von Hitler Ende Januar 1943 noch zum Generalfeldmarschall beförderten Paulus befand, war von Wehrmachtsseite weder versorgbar noch entsetzbar. Dies war Folge einer Entscheidung des sogenannten Größten Führers aller Zeiten.

Zweierlei Hybris hat Goebbels hier miteinander verbunden: die Illusion, die Sowjetunion militärisch besiegen zu können und das Verschweigen des Verursachens einerseits, und die axiomatisch vorgetragene Zielsetzung, Mitmenschen aus rassistischen Gründen zu ermorden. An ersteres mochte mancher noch glauben, dem der geopolitische Weitblick und der militärische Sachverstand fehlten und der sich des Unrechts des Überfalls auf die Sowjetunion als völkerrechtswidrigem Akt nicht bewusst war.Zynisch tut Goebbels die „papierenen Erklärungen“ als wirkungslos ab, die ja von Hitler selbst missachtet wurden: Das Münchener Abkommen 1938 oder der Hitler-Stalin-Pakt 1939.

Wo bleibt der Aufschrei der Gesellschaft, der vielen Einzelnen? Sowohl die zivile Gesellschaft, nicht nur die Herausgeputzte im Sportpalast, als auch die Wehrmacht haben sich jedoch von Goebbels und dem Regime verführen lassen. Auch wenn das Publikum der „Sportpalastrede“ ein besonders ausgewähltes war: eine große Mehrheit der Deutschen ist dem Fanatismus Goebbels auch noch 1943 bereitwillig gefolgt.

Übrigens: Nach meiner Meinung hat dieses Faktum auch die Soziologie des Ortega y Gasset desavouiert: 1930 schrieb er: „Geht es weiter wie bisher, so wird es in Europa von Tag zu Tag deutlicher werden, dass die Massen in jeder Beziehung unlenkbar sind.“ und weiter: „Sie werden einem Führer zu folgen wünschen und werden es nicht können.“ Ortega y Gasset hat geirrt, verbal manifestiert wurde dies in Goebbels Rede und den Reaktionen hierauf!Nur einige wagten es, die Wahrheit zu sagen: „Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken Dir! Es gärt im deutschen Volk! Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen?“

Am gleichen Tag, an dem Goebbels die Sportpalastrede hielt, verteilten Hans und Sophie Scholl und ihre Freunde der „Weißen Rose“ ein Flugblatt, das so beginnt wie oben zitiert. Man konnte es also wissen!

Der politischen Verführung in Zukunft widerstehen zu können, bleibt eine immer neue Herausforderung. Er reicht von der Kinderstube über die Schule bis in das Berufsleben hinein; eine Verpflichtung für uns alle, bewusst als Bürgerinnen und Bürger, die eben gerade auch das Bewusstsein der Zivilgesellschaft fordert.

Die Verantwortung von Deutschen heute ist in der notwendigen Kenntnis der Unrechtstaten des NS-Regimes auf die Zukunft gerichtet: Wir müssen in Wort und Tat dazu beitragen, dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft keine neuen Wurzeln findet und da, wo er vorhanden ist, von allen Demokraten mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft wird.

Politischer Instrumentalisierung im Namen totalitärer Überzeugungen eine Absage zu erteilen, bedeutet aber auch, dafür institutionell wie strukturell die Voraussetzungen zu schaffen. Die Wehrmacht hat den von Goebbels in seiner „Sportpalastrede“ propagierten „Totalen Krieg“ tatkräftig realisiert, ja sie hat überhaupt erst die Grundlagen geschaffen.

Daraus haben die Bundeswehr und ihre Väter seit ihrer Gründung gelernt, daraus haben unsere Streitkräfte heute Schlüsse gezogen: Institutionell indem die Bundeswehr eng an die demokratische Willensentscheidung des Parlamentes angebunden wurde und der Kontrolle des Parlamentes unterliegt. Strukturell haben sie gelernt, indem sie mit der Inneren Führung, mit dem Traditionsverständnis, aber auch mit Soldatengesetz, Vorgesetztenverordnung und Wehrbeschwerdeordnung eine austarierte soldatische Ordnung geschaffen haben. Diese setzt der Verführbarkeit nicht nur innere und äußere Grenze, sondern arbeitet vor allem im militärischen Alltag und im Berufsleben des Soldaten immer wieder auf jene individuelle Einsicht hin, die gegen totalitäre Verführbarkeit immun macht.Und es bedarf eines Wertegerüstes: das Fundament auf dem die „Weiße Rose“ aufbaute, ein christliches, ein jüdisches muss sein!

Anlässlich der Rekrutenvereidigung vor dem Reichstag hat Helmut Schmidt im Jahr 2008 darauf hingewiesen, dass Menschen verführbar bleiben – aber eben auch lernfähig! Ich möchte unterstreichen, was Helmut Schmidt gesagt hat: Junge Soldaten heute können sich darauf verlassen, dass der deutsche Staat sie nicht missbraucht. Und ich ergänze: Wir alle müssen unser geistig-geistliches Fundament halten. Denn ohne solches ist die Verführbarkeit besonders groß. Reden missbrauchen Menschen und sie missbrauchen Dichter: „Nun Volk, steh auf und Sturm brich los!“ nimmt Goebbels Anleihe beim Dichter und Kämpfer der Befreiungskriege Theodor Körner. Das hatte Körner so wohl nicht gemeint! Aber das Ungestüm Körners bedarf eben auch einer Wertebindung! Nicht das Töten und Schlachten, sondern die Freiheit und die Entfaltung des Individuum, in Verantwortung vor Gott und den Menschen gilt als Ziel.

Wie gut, dass an diesem Tag, heute vor 70 Jahren, Körner noch einmal zitiert wird: „Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beressina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns!“ „Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen. “Mit diesem Zitat von Theodor Körner rufen die Geschwister Scholl und ihre Gruppe zum „gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre“.

Also ist es doch möglich, die Hybris zu überwinden.


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