Samstag 30.04.2011

Ein persoenliches Grusswort an Robert Schopflocher von Christian Schmidt

"Weit von wo" ist als Titel für die Autobiographie von Herrn Robert Schopflocher nicht weit hergeholt, sondern irgendwie naheliegend. Es ist ein bewegender Lebensbericht über ein Leben zwischen drei Welten – zwischen Verfolgung, Emigration, Existenzkampf - auch in drei Welten – Deutschland, Argentinien und der liberalen jüdischen Tradition? In vielfältigen Assoziationen, auch Beschreibungen in Literatur, Film und Journalismus begegnet uns das Bild des Heimatlosen, des Entwurzelten, des rastlos durch die Welt ziehenden Menschen, der sich nirgendwo zugehörig fühlt und dies auch lebt. Und aus der Rastlosigkeit schimmert immer das Suchen durch, die Wanderschaft mit einem Ziel im Kopf, ohne das Ziel zu kennen. Man sollte vor allem in Anwesenheit des Autors ihn lieber selbst seine Einordnung in das Kataster der Verortbarkeit des Lebenswegs vornehmen lassen. Dennoch wage ich es, Sie als jemanden zu sehen, der nicht eine Heimat verloren, sondern gleich mehrere Heimaten erlebt hat. "Fern der Heimat" Welcher Heimat? schreiben Sie, als Sie über die letzte Ruhestätte Ihrer Eltern berichten. Dass eine Art Heimat Sie auch hier, hier in Fürth sehen, konnte man schon in Ihrer Dankesrede spüren, die Sie 2008 anlässlich Ihrer Auszeichnung mit dem Jakob-Wassermann-Preis hielten. Professor Gunnar Och sagte damals in seiner Laudatio, dass Ihre Prosa an die eines Stefan Zweig oder eines Lion Feuchtwanger erinnert, zwei Autoren, die die Erfahrung von Exil und Entwurzelung ebenfalls machen mussten. Mag sein, dass diese drei sich deswegen, wie Och sagt, der Aufklärung verpflichtet fühlen, jedenfalls gibt die eigene Erfahrung und Reflexion für die Kunst der Sprache wohl viel Inspiration. Auf Ihre reiche Lebensgeschichte bezogen, könnte die Heimat auch idealistisch verortet sein, so wie Carl Schurz, auch ein Deutscher, der in der neuen Welt seine neue Heimat fand, dies mit der Umdeutung des Wortes von Aristophanes in "Ubi libertas, ibi patria" beschrieben hat. Um dies fortzuspinnen, reichte die "libertas" in Ihrem Falle als abstrakte Kategorie gar nicht aus. Es ging wohl nicht nur um Freiheit, sondern um die schiere Existenz, die als Grundbedingung zum Gedeihen der "Humanitas" bedarf. Humanität als Ausgangs- und Sammelpunkt der Achtung der Würde jedes Einzelnen wurde, als Sie Kind waren, in Ihrer Heimatstadt Fürth gleichwie in allen Orten Deutschlands missachtet und gegen Terror geknebelt. Was blieb? Residuen zivilisatorischen Verhaltens, wie Sie es vermuten hinter der vielleicht von einem oder einigen nicht vollständig NS-hörigen Beamten ermöglichten Aufrechterhaltung des Jüdischen Internats in Herrlingen bis 1938. Der breite Raum den ihre Berichte aus dieser Lebensstation einnehmen, mag auch damit zu tun haben, dass es dem Knaben aus dem fränkischen Bildungsbürgertum sehr wichtig war, dass Sprache, Musik und Kultur insgesamt dort eine Heimstatt auf Zeit gefunden hatte. Wohl wissend, dass der Gedanke der Kulturnation manchmal als Substitut für die Staatsnation, die Deutsche insbesondere, gedreht worden ist mit daraus folgenden Inklusionen und Exklusionen, so will ich ihn Ihnen gegenüber in "Sprachheimat", also auch "Schreib- und Denkheimat" übersetzen. Eine andere Form der Heimat also, nachdem nur Zufälligkeiten Sie davor bewahren konnten, dass die schiere Existenz nach Ausgrenzung aus der Lebensheimat vernichtet wurde. Auch hiervon liest man und spürt man in Ihrem Buch in verdichteter Erzählung, insoweit erinnernd an Victor Klemperer und seine ob seiner Notierung der Alltäglichkeit, Eindringlichkeit der Perfidie derer, die Humanität, Zivilisation, ja Religion brutal schleiften. Wer Ihre Autobiographie lesen oder heute Abend auszugsweise hören darf, wird spüren, dass die drei Welten, von denen der Titel spricht, eben nicht nur geographische, sondern auch geistige, religiöse und fakultative Heimat sind - keine exklusiv, aber in Schichten immer über- oder untereinander liegend. Autobiographien wie die Ihre machen ein Stück atemlos ob der Geschwindigkeit der Erzählung: Ein ganzes Leben oder jedenfalls ein Blick aufs ganze Leben auf 286 Seiten in der Heimatsprache verfasst, die Zwischentöne dieser Sprache virtuos nutzend, Alltäglichkeiten und Bezüglichkeiten in einen Lebens- und Zeitbogen einordnend und die verschiedenen Schichten immer wieder ansprechend, ist die Selbstdistanz des Autors förderlich, etwa manches aus dem Mikrokosmos Nordargentiniens als Teil einer ganzen Weltsicht zu erkennen. Die Schichten werden auch deutlich in Ihren Beschreibungen der Zeiten des Autokraten Peron und seiner schönen Evita, der Missachtung der Menschenrechte insbesondere während der Militärjunta in Ihrer neuen Heimat Argentinien, einem Land, das den Verfolgten Platz geboten hat wie auch den Verfolgern. Daran muss man insbesondere in diesen Tagen erinnern, in denen sich der Beginn des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem zum fünfzigsten mal jährt: Diese triviale Figur, die die Rassenwahnideologie in einen Vernichtungsmechanismus übersetzte und dessen Handeln von Hannah Arendt mit ihrem berühmten Wort von der "Banalität des Bösen" so unübertrefflich charakterisiert worden war, hatte auch einen Platz in Argentinien gefunden, sozusagen Tür an Tür der Verfolger mit Verfolgten. Ihre Autobiographie lädt dazu ein, alle Ihre Heimatorte zu besuchen. Es bleibt ein Hauch von Melancholie nicht nur wegen des beschriebenen, höchst interessanten und bewegenden Lebens, sondern weil man Dinge im Minutentakt liest, die Jahre gedauert haben. Es bleibt zudem eine tiefgründende Hochachtung vor Menschen, die ihre Herkunftsheimat trotz schlimmer und schlimmster Erfahrung sozusagen in den Wartestand stellen, wenn vollständiger Bruch auch vorstellbar wäre; Was soll man noch verstehen, wenn Orden für heldenhaftes Kämpfen im 1.Weltkrieg, gegeben von deutschen Autoritäten, zwanzig Jahre später nicht einmal Respekt vor der schieren Lebensberechtigung hergaben?! Vielen Dank, dafür, dass Sie so vieles in Ihrer Autobiographie beschreiben, bewerten und in Erinnerung halten! In diesem Sinne sollten wir sehr dankbar sein, dass Sie nicht Ihren ganzen Lebenszweck in Hühnerei und Schweinespeck gefunden haben, obwohl wir wohl auch in diesem Falle hätten von Ihnen lesen können: Über die Verhütung von Tierkrankheiten und bessere Ackerbaumethoden. Es mag sein, dass dann in Triesdorf Lesungen Interesse gefunden hätten, in unserem Zuhörerkreis wohl nicht so sehr. Ich bin gespannt, von Ihnen zu hören!


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